… Oder: Von alten Büchern, jungen Hasen und mir mittendrin.

Wort um Wort. Seite um Seite. Kapitel um Kapitel – Leseenthusiasten kennen das Gefühl: Man sitzt gemütlich in den eigenen vier Wänden, vielleicht bei einem Glas Wein. Draußen regnet es. Doch man selbst hat es trocken und warm. Man lehnt sich in seinem Sessel zurück, nimmt ein Buch vom kleinen Beistelltisch, schlägt es auf und beginnt mit pendelnden Pupillen in fremde Welten einzutauchen. Die Zeit vergeht wie im Fluge und ehe man sich versieht, ist die Geschichte vorbei und der Wunsch nach einer Fortsetzung groß.

Wer es nicht erwarten kann, endlich das neueste Werk seines Lieblingsautors in den Händen halten zu können, für den gibt es Abhilfe. Jedes Jahr im März öffnet die Leipziger Buchmesse mit allerhand literarischen Neuheiten ihre Pforten. Auf einem Areal von 121.700 m², verteilt auf sechs Hallen, geben sich etliche Schriftsteller die Klinke in die Hand. Es werden aktuelle Veröffentlichungen vorgestellt, Lesungen gehalten und Autogramme geschrieben. Darüber hinaus sind viele Autoren zu halbstündigen Interviews geladen, entweder auf dem blauen Sofa in der gläsernen Haupthalle oder bei den umliegenden Verlag- und Rundfunkständen. Dort erfährt man so einiges über den Autor und seine Art zu schreiben. Fans stellen Fragen, fühlen dem Autor auf den Zahn und informieren sich über eine mögliche Fortsetzung ihrer Lieblingsromane. Ein großartiges Angebot für jeden modernen Bücherwurm!

Live im TV auf der Leipziger Buchmesse
Im Gespräch. Eine halbe Stunde auf dem blauen Sofa – inkl. Liveübertragung.

Mir hingegen sind Interviews oder Lesungen zu Neuerscheinungen relativ egal. Ich bin ein Anhänger der klassischen Literatur und meine Lieblingsautoren sind allesamt tot. Daher zieht es mich seit nunmehr fünf Jahren immer wieder auf die Antiquariatsmesse in Halle 3. Hier ergattert man für einen schmalen Pfennig noch wahre Schätze der Weltliteratur – von Camus über Hesse bis Sartre. Auch die berühmten Werke von Goethe, Schiller und Lessing findet man in den Regalen zahlreich.

An Tag 1 ist die Auswahl noch riesig und grob alphabetisch geordnet. Dennoch mühe ich mich etwa zwei Stunden mit der Suche nach meiner Wunschliteratur ab. So schweift der Blick, Regal für Regal, von oben nach unten. Ich gehe in die Hocke, um auch die Buchrücken in den untersten Reihen lesen zu können. Der eigene Rücken dankt es schon nach 30 Minuten mit leichten Stichen. Doch ich gebe nicht auf und werde nach Regal Nr. 8 endlich fündig: „Martin Heidegger – Sein und Zeit“ – Jackpot! Dieses Buch stand ganz oben auf meiner Literaturliste. Da hat sich der kräfteraubende Ententanz zwischen den Bücherregalen tatsächlich gelohnt!

Antiquariatsmesse auf der Leipziger Buchmesse
Wer suchet, der findet! – Bücher über Bücher auf der Antiquariatsmesse.

Das Portemonnaie ist leichter, der Rücken krumm. Mein Gesicht bemerkt von alledem nichts und grinst ob des Kauferfolges. Eine große Pause ist jedoch nicht drin. Es geht zurück in die gläserne Haupthalle, durch Menschenmassen hindurch. Es ist unangenehm warm. Die Luft scheint in den Gängen zwischen den Hallen zu stehen und man selbst bewegt sich auch nicht schneller. Beim Betreten der Haupthalle ergießt sich ein lautes Stimmengewirr über meine Ohren. Die Messe verzeichnet von Jahr zu Jahr neue Besucherrekorde. Das hört und sieht man. Es sind viele junge Menschen unterwegs, darunter etliche Schulklassen.

Das Gros bilden jedoch die bunt angezogenen Cosplayer. Nur warum verkleiden sich Menschen überhaupt auf einer Buchmesse? Ganz einfach: Comics und japanische Mangas sind ein fester Bestandteil der gegenwärtigen Buchkultur. Cosplayer stellen mit ihren Kostümen lediglich Charaktere aus diesen Büchern nach. Somit wäre es kurzsichtig, zu behaupten, dass Cosplay nichts mit einer Buchmesse zu tun hätte. Das wissen auch die Veranstalter. Mangas und Comics verleihen der Messe Farbe und Vielfalt. Sie erfreuen sich gerade bei den jüngeren Besuchern großer Beliebtheit und sind ein echter Publikumsgarant. Deshalb findet seit 2014 parallel zur LBM die Manga Comic Convention in einer eigenen Halle statt.

Haupthalle Leipziger Buchmesse
Dem Thema „Mangas und Comics“ widmet die LBM eine eigene Halle.

Da auch mein Interesse für das Thema groß ist, verschlägt es mich nach einer Runde durch die sonnenerhitzte Haupthalle auf das klimatisierte Areal der MCC. Hier kann ich den Nerd in mir entfesseln. Viele kleine Stände bieten allerhand Figuren, T-Shirts, Taschen oder Plüschtiere zum Kauf an. Jede Ecke erstrahlt in kitschig bunten Farben. Unter den verworrenen Schwall unverständlich säuselnder Stimmen mischt sich der Soundtrack von Digimon. Ich kenne den Text und singe leise mit. Mir steigt der Duft von japanischem Tee in die Nase, ich vermute Sencha – Der erste Eindruck ist eine Reizüberflutung.

Ich gehe ein paar Schritte, schaue mich planlos um und lasse mich von einer Gruppe Cosplayer zur großen Bühne treiben. Hier findet gerade ein Kostümwettbewerb statt. Doch das ist nicht meine Welt. Ich bin definitiv zu alt dafür! Lieber schaue ich mir einige Meter weiter die Zeichenkunst einer Mangaka an oder schlendere über den Doujinshi-Markt, auf dem unbekannte Künstler ihre Fan-Art verkaufen. Ebenso bin ich für die neuesten Spiele- und Serien-Releases zu haben. Dafür bietet die MCC eigens eine Gaming-Ecke sowie ein kleines Kino an.

Manga zeichnen Leipziger Buchmesse One Punch Man auf der Leipziger Buchmesse Luigi auf der Leipziger Buchmesse

Ich bin überwältigt. Das Angebot wird von Jahr zu Jahr größer und bestätigt mir, wie sehr das Geschäft mit Comics und Mangas boomt. Schon längst geht der Absatzmarkt weit über den bloßen Verkauf von Buchbänden hinaus. Mangas werden für Kino und Fernsehen als Animes adaptiert. Es werden Filme, DVDs und Soundtracks am laufenden Band produziert. Die Superhelden von Marvel und DC überfluten uns mit Prequels, Sequels sowie zahllosen Serien auf Netflix. Und obendrein gibt es noch das passende Game für sämtliche Konsolen!!11!  Da wird selbst mir etwas schwindelig, der doch mit zahlreichen Comichelden aufgewachsen ist.

„Das hat doch nichts mehr mit Büchern zu tun, oder?“

Bitte nicht falsch verstehen! – Ich halte den stetig expandierenden Comicmarkt nicht für etwas Schlechtes. Vielmehr gewinne ich bloß ein Verständnis für jene Kritiker, die in dem bunten Treiben keine Schnittpunkte mehr zum einfach Buch sehen und eine Abspaltung der MCC von der LBM fordern. Doch denkt man an dieser Stelle einmal konsequent weiter, müsste man auch die Abteilung für Fantasy-Romane von der LBM verbannen. Schließlich dienen auch hier etliche Werke als Vorlage für Filme, Serien, Videospiele sowie Cosplays. Folglich lässt sich in diesem Punkt keine klare Grenze zwischen dem geschriebenen Buch und einem Comic ziehen. Es klingt also absurd, die MCC aufgrund ihres außergewöhnlichen Angebots von der LBM entfernen zu wollen.

Flashmob Leipziger Buchmesse
Farbenfroh. Cosplay Flashmob auf der LBM.

Kritische Stimme verhallen. Denn das Thema „Buch“ kommt auch im bunten Trubel der MCC nicht zu kurz. Es gibt etliche Verlag- und Verkaufstände für Comics & Mangas, eine gemütliche Lese-Ecke sowie zahlreiche Kreativ-Workshops. Insofern ist auch das Buch ein fester Bestandteil der MCC. Und wer nun pauschal behauptet, dass Nerds und Otakus bloß ihr eigenes Ding machen würden, den Blick über den Tellerrand nicht wagten oder schlicht kein Interesse an klassischer Literatur hätten, der schaue sich folgendes Bild an:

Einzig über die Auftritte einiger halbnackter Cosplayer lässt sich streiten. Oder sollte man es einfach akzeptieren, wenn scheinbar minderjährige Mädchen in lasziven Posen vor den Kameras älterer Männer auf und ab hüpfen? – Nein, das sollte man nicht. Es wäre aber auch der falsche Schritt, den „jungen Hasen“ das Unterwäsche-Cosplay zu verbieten. Schließlich kommt es nicht auf das Kostüm an, sondern auf die Person, die es trägt. Es sollte daher jedem Mädchen weiterhin erlaubt sein, sich nach eigenem Ermessen zu verkleiden. Allerdings fordert ein knappes Kostüm auch das entsprechende Selbstbewusstsein, sich gegen ungewollte Berührungen entschieden zu verteidigen. Anders lassen sich nämlich aufdringliche und unseriöse Fotografen nicht abwimmeln. Im Klartext: Ein Cosplayer darf sich nicht alles gefallen lassen und steht in der Verantwortung, dies auch zu kommunizieren!

Hierzu gibt sogar der Messeveranstalter einige Verhaltenstipps auf seiner Website:
(Quelle: manga-comic-con.de)

  • Geht nicht zu leichtfertig mit euren Persönlichkeitsrechten um. Klar, wer sein Cosplaykostüm liebevoll gestaltet hat, will es aller Welt zeigen. Aber denkt vorher darüber nach, von wem ihr euch fotografieren lassen wollt.
  • Lasst euch im besten Fall die Kontaktdaten des Fotografen geben und fragt, wofür er die Fotos verwenden will. So habt ihr einen Blick darauf, wo eure Bilder gelandet sind.

Andersherum sollte natürlich auch jeder Fotograf die Privatsphäre der Cosplayer achten und gegebenenfalls solche „Kollegen“ beim Sicherheitsdienst melden, die es nicht tun. Auf diese Weise transportieren sowohl Cosplayer als auch Fotografen ein positives Bild nach außen, über das selbst Externe sich nicht wundern brauchen oder gar brüskieren müssen.

Chillen auf der Leipziger Buchmesse
Entspann dich mal! – Cosplay gehört zur LBM!

Zugegeben, auch ich gehöre seit 5 Jahren zur Riege der Messefotografen und kenne meine Verantwortung gegenüber den Cosplayern. Da ist es selbstverständlich, vor dem Fotografieren erst um Erlaubnis zu fragen und im Anschluss an das kleine Shooting eine Visitenkarte zu übergeben. Außerdem wähle ich zwischen all den Hasen, Kriegern und Feen meine Models mit Bedacht. Nicht jedes Cosplay gefällt mir und nicht jeder Cosplayer ist auch fotogen. Halbnackte Tatsachen kommen mir nicht vor die Linse! Ich fotografiere lieber dystopische oder fantastische Kostüme wie diese hier:

 

Dennoch sei es auch den halbnackten Hasen vergönnt, bestaunt und fotografiert zu werden. Dafür lebt und arbeitet jeder Cosplayer. Allerdings muss man einer Sexualisierung der Szene entschieden entgegentreten. Es braucht gewisse Umgangsformen zwischen Cosplayern und Fotografen! Das ist eigentlich schon alles. Denn letztlich ist das Cosplay-Hobby so harmlos wie eine Wattebausch-Kanone. Man ist über Internetforen wie Animexx oder DeviantArt miteinander verbunden, trifft sich in regelmäßigen Abständen zu Conventions und führt stolz seine Kostüme vor, an denen man in den letzten Wochen 24/7 gewerkelt hat. Daran ist per se nichts Verwerfliches! Deshalb sollte man auch rund um das Thema kein großes Fass aufmachen. Cosplays gehören in all ihren Facetten zur gegenwärtigen Buchkultur dazu. Sie bereichern die Messehallen auf vielfältige Weise und tragen zu jährlich steigenden Besucherzahlen bei.

So konnte auch die diesjährige Buchmesse einen neuen Besucherrekord aufstellen und insgesamt 208.000 Menschen an 4 Tagen nach Leipzig locken.

 

Leipziger Buchmesse - blaue Stunde Messegelände

… ein Messetag neigt sich dem Ende entgegen – blaue Stunde über Leipzig.

 

Diesen Blogeintrag widme ich meinem langjährigen Buchmessen-Kumpanen Tony. Wir bleiben der Messe treu like dafuq dude! 😉